OsFa-Rückblick 5: Großbrand in Dissen im Jahr 1832

OsFa-Rückblick 5: Der Großbrand in Dissen im Jahr 1832

Osnabrück, 27.09.2026. Heinrich Gosmann, Sven Elbert.

Am Abend des 26. April 1832 brach in Dissen am Teutoburger Wald ein Feuer aus, das binnen weniger Stunden 32 Gebäude zerstörte und mehr als 200 Menschen obdachlos machte. Berichte, Spendenlisten und Abrechnungen in den Osnabrückischen Öffentlichen Anzeigen zeigen, wie groß die Not war, und wie groß die Hilfsbereitschaft in der ganzen Region. Die Verzeichnisse der Brandversicherung nennen zudem die Namen der betroffenen Hausbesitzer, eine wertvolle Quelle für Familienforscher.

Dissen gehörte damals zum Amt Iburg im Fürstentum Osnabrück, das seit 1815 Teil des Königreichs Hannover war. Wie eng die Häuser im Ortskern standen, zeigt die Landesaufnahme des Fürstbistums Osnabrück aus dem Jahr 1788: Rund um die Kirche und den Kirchhof reihten sich die Häuser dicht an dicht. Viele ihrer Bewohner, die sogenannten Kirchhöfer, begegnen uns später in den Verzeichnissen der Brandversicherung wieder.

Ein Abend im April

Am Abend des 26. April 1832, zwischen sieben und acht Uhr, brach in Dissen ein verheerender Großbrand aus. Begünstigt durch einen anhaltenden Nordostwind griffen die Flammen rasch um sich und entwickelten sich zu einer Feuersbrunst von erschütterndem Ausmaß. Erst nach Mitternacht gelang es den Bewohnern gemeinsam mit den aus nah und fern, aus dem In- und Ausland herbeigeeilten Helfern, der „Wuth der Flammen Einhalt zu thun“. Das „Ausland“ lag dabei ganz nah: Nur wenige Kilometer südlich von Dissen begann das Königreich Preußen.

Mit dem anbrechenden Morgen wurde das ganze Ausmaß der Katastrophe sichtbar: 32 Gebäude waren vollständig vernichtet, zwei weitere schwer beschädigt. Insgesamt verloren 43 Familien mit mehr als 200 Personen ihr Zuhause.

Hilfe aus nah und fern

Schon kurz nach dem Unglück wurde zu „milden Gaben“ aufgerufen. Geldspenden, Kleidungsstücke und Naturalien wurden von einem aus „achtbarsten Männern gebildeten Comite“ gesammelt und verteilt. Zu diesem Hilfskomitee gehörten unter anderem Pastor Kreß, Pastor Voß, Rentmeister Richard und Dr. Hertel. Noch bis in den Dezember hinein veröffentlichten die Zeitungen ausführliche Listen der zahlreichen Spender und Unterstützer.

Bereits am 1. Mai konnte das Komitee mitteilen, dass die Geschädigten durch die eingegangenen Hilfen „hinreichend versorgt werden können“. Zugleich wurde vor Personen gewarnt, die ohne Genehmigung „bettelnd oder collectirend“ versuchten, die Notlage auszunutzen.

Auch kulturelle Veranstaltungen dienten dem guten Zweck. So fanden Konzerte mit dem Kapellmeister Morando Morandi aus Rom und dem Organisten Veltmann statt. Darüber hinaus veranstaltete der Unternehmer Lundt „theatralische Vorstellungen“ zugunsten der Brandgeschädigten.

Hemden, Kartoffeln und Taler: die Spendenlisten

Die im Mai veröffentlichten Spendenlisten vermitteln einen eindrucksvollen Einblick in die große Hilfsbereitschaft der Bevölkerung. Ein Unbekannter stiftete 24 Hemden, der Unterstützungsverein Osnabrück spendete 100 Taler Gold sowie Kleidungspakete und weitere 300 Taler Courant. Aus Bremen gingen von einem anonymen Spender 100 Taler ein. Das Gut Gesmold lieferte ein Fuder Kartoffeln, aus Remsede kamen Korn, Kartoffeln und Erbsen.

Kaufmann Meese aus dem preußischen Tecklenburg spendete 25 Taler, ein Schuhmacheramtsmeister ein Paar Stiefel. W. S. Wolff aus Badbergen unterstützte die Opfer mit einem Dutzend Tüchern, einem Dutzend Strümpfen und 29 Ellen Leinwand. Hinzu kamen zahlreiche Sammlungen aus umliegenden Bauerschaften und Orten.

Die Schlussabrechnung vom 15. Dezember 1832 verzeichnete Bargeldspenden in Höhe von 3160 Talern, 12 Gutegroschen und 9 Pfennig. Der Wert der gespendeten Naturalien, Kleidungsstücke und sonstigen Gegenstände belief sich auf weitere 918 Taler, 2 Gutegroschen und 4 Pfennig. Insgesamt kamen damit Hilfen im Wert von 4078 Talern, 15 Gutegroschen und 1 Pfennig zusammen.

Eine Predigt für die Schulkinder

Auch das Schicksal der Kinder blieb nicht unbeachtet, denn das Feuer hatte auch das Schulhaus getroffen. Für arme Schüler, die beim Brand ihre Schulbücher verloren hatten, erschien 1833 eine besondere Schrift: „Die Spuren der Güte und Liebe Gottes bei dem letzten Brandunglück zu Dissen, den 26. April 1832“. Dabei handelte es sich um eine Predigt von Pastor Justus Voß zur Erinnerung an die tragische Begebenheit. Die Schrift war bei Fr. Rackhorst zum Preis von zwei Gutegroschen erhältlich; der Erlös kam den betroffenen Schülern zugute.

Wer seine Häuser verlor: die Verzeichnisse der Brandversicherung

Die Verzeichnisse der Brandversicherung nennen die zerstörten oder beschädigten Gebäude mit den angewiesenen Versicherungszahlungen zwischen 1832 und 1834. Für Familienforscher ist diese Liste besonders wertvoll, denn sie nennt die betroffenen Hausbesitzer, oft mit Stand oder Beruf: vom Colon über Kötter und Kirchhöfer bis zum Apotheker und Bäcker. Unter den Geschädigten findet sich mit Dr. med. Hertel offenbar auch ein Mitglied des Hilfskomitees. Betroffen waren außerdem die Küsterwohnung und die Schule.

GebäudeBesitzer
(Schreibweise der Quelle)
Zahlungen
WohnhausMarkkötter Sommerkamp/Sonnenkamp2 × 160 Taler
WohnhausKötter Dütemeyer490 Taler, 500 Taler,
700 Taler, 300 Taler
NebenhausKötter Dütemeyer10 Taler
WohnhausKirchhöfer C. H. Dallmeyer2 × 250 Taler, 500 Taler
WohnhausFriedrich Wiemann2 × 50 Taler, 100 Taler
WohnhausGottfried Poggenpohl2 × 150 Taler, 300 Taler
WohnhausH. C. Meyer2 × 250 Taler, 500 Taler
WohnhausKirchhöferin Witwe Kelkenberg2 × 200 Taler, 400 Taler
WohnhausColon Westendarp3 × 500 Taler, 1000 Taler
LeibzuchtColon Westendarp50 Taler, 200 Taler
WohnhausColon Fromme3 × 375 Taler, 750 Taler
Nebenhaus und ScheuneColon Fromme2 × 100 Taler
Wohnhaus und StallErbkötter Schloimann250 Taler, 262 Taler 12 Schilling, 525 Taler
StallErbkötter Schloimann2 × 12 Taler 12 Schilling
WohnhausErbkötter Röttgering2 × 118 Taler 18 Schilling, 237 Taler 12 Schilling
NebenhausErbkötter Röttgering2 × 25 Taler, 50 Taler; für Wohnhaus und Nebenhaus 143 Taler 18 Schilling
WohnhausKirchhöfer und Schuster Hobein3 × 50 Taler, 100 Taler
Wohnhaus Nr. 3aApotheker Raßmann2 × 625 Taler, 1250 Taler
Wohnhaus Nr. 58a und ScheuneApotheker Raßmann125 Taler, 187 Taler 12 Schilling
Wohnhaus Nr. 58bApotheker Raßmann62 Taler 12 Schilling
WohnhausKaufhändler Schulze2 × 375 Taler, 750 Taler
WohnhausMarkkötter Gildehaus200 Taler, 120 Taler
WohnhausBäcker August Welle2 × 250 Taler, 500 Taler
WohnhausB. Timmermeisters Pupillen200 Taler, 200 Taler
WohnhausCommercianten und Bäcker W. Welle2 × 1250 Taler
Wohnhaus Nr. 35aDr. med. Hertel400 Taler; Wohnhaus und Scheune 575 Taler
ScheuneDr. Hertel150 Taler
WohnhausCommunal-Rendanten Richard142 Taler
Küstereiwohnung600 Taler
Schule200 Taler
WohnhausKirchhöfer Rodenbrock650 Taler
WohnhausBröckers, Vormund der Bröckers Pupillen500 Taler
Wohnhaus und NebenhausBlechen, Vormund2 × 315 Taler
Zerstörte oder beschädigte Gebäude und angewiesene Versicherungszahlungen 1832–1834.
(Quelle: Osnabrückische Öffentliche Anzeigen, OSFA-Sammlung Bohnenkamp)

Dissen nach dem Brand

Wie der Ort nach dem Wiederaufbau aussah, zeigt die Gaußsche Landesaufnahme. Die Kartenblätter für Dissen wurden 1846 und 1847 aufgenommen, also rund 15 Jahre nach dem Brand. Der Ortskern an der Kirche ist wieder dicht bebaut. Weil Dissen genau an der Grenze zweier Kartenblätter liegt, ist der folgende Kartenausschnitt aus Blatt 57 und Blatt 58 zusammengesetzt.

Damit zeigt der Großbrand von 1832 zweierlei: erstens, wie verwundbar die dicht bebauten Orte jener Zeit waren, und zweitens wie groß der Zusammenhalt in der ganzen Region war, über Ämter- und Landesgrenzen hinweg.

Kleines Glossar

Colon: Hofbesitzer, meist Inhaber eines Voll- oder Halberbes.
Erbkötter: Inhaber einer älteren Kötterstelle mit Rechten in der gemeinen Mark.
Markkötter: Inhaber einer kleinen, später auf Markengrund angelegten Hofstelle.
Kötter: Inhaber einer kleinen Hofstelle (Kotten).
Kirchhöfer: Bewohner eines der Häuser rund um den Kirchhof, oft Handwerker, Händler oder Wirte.
Leibzucht: Altenteilerhaus eines Hofes.
Pupillen: Mündel, meist minderjährige Kinder unter Vormundschaft.
Commerciant: Kaufmann, Händler.
Communal-Rendant: Rechnungsführer der Gemeindekasse.
Taler, Gutegroschen, Pfennig: 1 Taler = 24 Gutegroschen, 1 Gutegroschen = 12 Pfennig. Taler „Gold“ wurden in Goldmünzen gerechnet und standen höher im Kurs als Taler „Courant“ (Silbergeld).
Fuder: eine Wagenladung.
Elle: Längenmaß von gut einem halben Meter.

Quellen: Osnabrückische Öffentliche Anzeigen 1832 und 1833, OSFA-Sammlung Bohnenkamp; Niedersächsisches Landesarchiv Abteilung Osnabrück, NLA OS K 100 Nr. 1 H V Bl. 15 b (Landesaufnahme des Fürstbistums Osnabrück, 1788) und NLA OS K 300 Nr. 1 M Bl. 57 und 58 (Gaußsche Landesaufnahme, 1846/47); Stadt Dissen aTW, Geschichte.


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